22 Jan 2018


Noch einmal »Ring« mit Stefan Mickisch

Über keif-Moll und Farbcharakter

Es war ein bisschen wie in Bayreuth: Stefan Mickisch kam und der Saal war voll. Viermal [ausverkauft –] je 300 Gäste bei den Einführungsinszenierungen zu »Rheingold«, »Walküre«, »Siegfried« und »Götterdämmerung«! Viele der Gäste nahmen die Gelegenheit war, vor den Aufführungen in der Semperoper die genialen, kurzweiligen und unterhaltsamen Klaviervormittage und -abende im Haus der Kirche zu erleben. Doch der Anteil derer, die nur zu Mickisch kamen und keine Karte für Christian Thielemanns »Ring« bekommen hatten, dürfte ebenfalls nicht klein gewesen sein – das war schon in Bayreuth immer so.

Stefan Mickisch richtet sich an den aufmerksamen Zuhörer, einen, der aufgeschlossen ist. Vorkenntnisse seien – das hatte der Pianist vorab bereits gesagt – nicht vonnöten, zuhören würde genügen. Genau das ist ein wesentlicher Kern im Konzept der Vorträge, die eben doch opernhafte Züge annehmen, kleine Inszenierungen sind. Immer wieder schweift Stefan Mickisch ab, in historischen Bezügen ebenso wie in Tonarten, wenn er am Klavier das Rheingold aufschimmern oder die Walküren reiten lässt, und beginnt schon am Anfang mit einem juristischen Diskurs über »Besitz« und »Eigentum« des von Alberich geschmiedeten Rings. Und so unterhaltsam derlei Nebensächlichkeiten und Anekdoten sind, verliert sich der Pianist nicht in unwesentlichem. Die richtige Mixtur ist wichtig, um das Interesse wachzuhalten. Diese Balance beherrscht Stefan Mickisch perfekt: einerseits gilt es, neues zu erzählen oder zu vertiefen, ohne die Zuhörer zu überfordern, andererseits darf es nicht zu seicht werden. Ein »ach ja, das…« stellt sich beim Publikum nicht ein.

Dafür erfährt man manches, was über graue Theorie hinausragt. Mögen Charpentier oder Mattheson; Knecht, Schubart oder Schilling über Tonartencharakteristiken theoretisiert haben – von Stefan Mickisch erfährt man, welche Farben und welches Temperament sie haben. Das Wotanmotiv klinge zum Beispiel souverän, nach einem Herrscher, dunkelgrünem Jaguar und dunkelroten Sofas im Wohnzimmer, während Fricka schwer zuzuordnen sei, eher könne man es »keif-Moll« nennen.

Musikalisch beginnt Mickisch natürlich mit dem Anfang, dem Werden. Das sei schon ein Schlüsselmoment, die Kunst des ersten Tones (im »Rheingold«). Klingen müsse es, als fänge es nicht an, sondern wäre schon immer da, man nimmt es nur auf einmal wahr. Von dort geht es zu Klangbeispielen – nicht nur bei Wagner, auch bei Schumann fließt der Rhein…

Immer wieder werden die Zuhörer in den Vortrag eingebunden, können sich beteiligen. Mickisch verteilt ebenso »Hausaufgaben«, wie er sich über Widerspruch zu freuen scheint. Auch hier gilt: »Ich möchte nicht alles immer gleich verstehen« (Mickisch). Texte, die nicht gleich verständlich seien, forderten ihn enorm – daran hat er wohl Spaß, und zitiert gleich aus dem »Rheingold« Wotans Antwort auf die Frage Frickas, was der Name »Walhall« bedeute: »Was mächtig der Furcht, | mein Mut mir erfand, | wenn siegend es lebt, | leg’ es den Sinn dir dar!«. Das verstünde (Zitat) »kein Schwein«. Oder Alberichs Selbsteinschätzung, als ihn die Rheintöchter abblitzen lassen: »Von vielen gefall´ ich wohl einer, bei einer kieste mich keine!«. Formulierungen wie diese findet der Pianist schlicht genial.

Und weiter geht es durch den »Ring« – auf welcher Seite trägt Wotan die Augenklappe? Wie oft wird an den vier Abenden geküßt? Überhaupt: man hätte den ganzen »Schlamassel« vermeiden können, wären die Rheintöchter netter zu Alberich gewesen – viele Stunden Oper würden uns erspart! (Wollten wir das?!)

Stefan Mickisch wandelt und wandert nicht nur zwischen den Zeilen des Textes, er wandert in der Literatur bis hin zum »Herrn der Ringe« (Wagner war aber früher da) und Asterix. Und erklärt etymologisch die Herkunft der Namen, denn Wagner hat sie nicht ersonnen, sondern hergeleitet: »Nibelheim« zum Beispiel käme von »Nifhel-heim« …»nifel« = Nebel und »Hel« = die Göttin der Unterwelt (Hella). »Kommst du von Hellas nächtlichem Heer?« fragt Brünnhilde in der Götterdämmerung, so setzt Mickisch nach, wie er immer eine Ring-Passage parat zu haben scheint. Das Wort »Hölle« leite sich »Hella« ab…

Derlei kann der Pianist scheinbar endlos fortführen, aber nie ziellos. So erfährt auch der Besucher, der nur einen Teil verfolgt, was dem vorangegangen ist und was ihm folgt. Und wer es philosophischer mag, kann Stefan Mickisch gerne nach dem transzendenten System des »Ringes« fragen oder danach, ob denn Götter noch Götter sind, wenn sie altern.

Was das Besondere an den Veranstaltungen mit Stefan Mickisch ist: sie haben nichts Gestelltes. Wie in einer guten Inszenierung merkt man nicht, daß sie inszeniert sind. Statt dessen werden sie geprägt von anregender Lebhaftigkeit. Der Pianist widerspricht auch (zu) gerne und fordert zum Widersprich heraus – auf diese Weise immer wieder gern.

Also – nicht nachsinnen, hingehen!


Text: Wolfram Quellmalz
Foto: Matthias Creutziger

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