13 Apr 2018


Venusbrüstchen, Nannerl und die Rache der Salzburger

Ein besonderes Menü oder: Versuch eines Reiseberichtes

Wie passt das zusammen: Salzburg und Süßes? Das Salz ist für die bis auf die Jungsteinzeit zurückgehende Stadt, die mit dem Abbau desselben großgeworden und zu Geld gekommen ist, lange wichtig gewesen. Mit dem wertvollen Handelsgut überstand sie manche Krise, blieb sogar im Dreißigjährigen Krieg unbeschadet – das Erzherzogtum war neutral. Die kostbare Fracht wurde früher via Fluss (die Salzach) bis nach Böhmen geliefert. Heute spielen die alten Bergwerke allerdings eher eine touristische Rolle.

Salzburg – vielleicht gab es zu Mozarts Zeiten noch gar nichts Süßes hier? (Antwort: Doch! »Venusbrüstchen« zum Beispiel, ein feines Zuckerbäckerwerk aus Maronencrème, Mozart soll sie geliebt haben. Und »Mehlspeisen« waren selbstverständlich auch schon verbreitet.) Die »Mozartkugeln« sind jedenfalls nicht von Wolfgang Amadé Mozart erfunden worden, und gekannt hat er sie ebensowenig – sie kamen erst einhundert Jahre nach dem Tod des Meisters. Der Konditor Paul Fürst kreierte sie 1891 im Andenken an den Komponisten. Einzigartig und unvergleichlich sind sie, doch da Paul Fürst den Namen »Mozartkugeln« nicht geschützt hat, gibt es sie heute auch von vielen anderen Konditoren – Rebers, Mirabelle, Holzermayr… und sogar von Halloren! Aber die besten – sagen die Salzburger – seien nach wie vor jene vom Fürst, wie damals mit der Hand und nach dem Originalrezept gefertigt.

Erster Gang (statt Gebackener Grießknödelsuppe)

Am frühen 20. März, einem Dienstagmorgen, brach eine Reisegruppe des Freundeskreises vom Hotel »Taschenbergpalais« aus auf nach Salzburg. 73 Reisende – nach den ersten Ausfahrten in Richtung Görlitz / Zgorzelec (April 2017) mit einem Shuttlebus und nach Breslau / Wrocław (Juni 2017) mit einem Bus waren nun deren zwei nötig – der Freundeskreis wächst und auch die Ausfahrten werden umfangreicher, in Entfernung und Dauer ebenso wie im musikalischen und künstlerischen Gehalt.

Auf der Hinfahrt wurde über verschiedene Originalitäten, nicht nur von Mozartkugeln, aber auch über »die Generation der Frauen, die ihren Männer zu Füßen liegen« und anderes trefflich reflektiert. Außerdem gab es eine Wiederbegegnung mit Stefan Mickisch: Auf der vom Veranstalterehepaar Richter mitgebrachten CD führt er vor, was in »Tosca« an motivischem Material zu finden ist. Diese Einführung war nicht nur musikalisch bereichernd und unterhaltsam (und sorgte für Kurzweil während der Fahrt), sie schlug auch – wie so oft in solchen Fällen – den einen oder anderen »Bogen«:  der Opernerklärer wandelt auf der CD gewohnt abschweifend zwischen Komponisten und Werken; von Puccini zu Tschaikowski und Bach und bezieht – selbstredend! – Wagner natürlich mit ein. Zu seinem Vortrag gehört auch ein Vergleich der Glockenmotive in »Tosca« und »Tiefland«. Und hier klang die auf das Klavier übertragene Musik Eugen d’Alberts nicht wenig nach Arvo Pärt, dessen »Tintinnabuli« wir erst kürzlich in der Schlosskapelle lauschen durften.

Doch nicht nur um Musik drehten sich die Gespräche. Manche kamen offenbar vom Thema ab und überlegten, wieviel Unterröcke die Großmutter »damals« getragen hat (es sollen sieben gewesen sein, doch der Nachweis wurde nicht erbracht und auch über den betreffenden Urheber der Diskussion hüllen wir uns in Schweigen…).

Als spannend und bewundernswert erwies es sich, zu beobachten, wie ein Bus durch Salzburg gezirkelt wird. Denn Baustellen wie großzügig in der Innenstadt verteilte Fahrzeuge standen dem (im wahrsten Sinne des Wortes) mehrfach entgegen. Doch am Ende sind wir sehr gut durchgekommen (worden).

Eine Ankunft am späten Nachmittag konnte den Freundeskreis nicht davon abhalten, gleich zum ersten Programmpunkt aufzubrechen. »Ohne Frack auf Tour« heißt es seit 2016 in Dresden an einem Tag im Mai (in diesem Jahr wird es der 14. sein). Am 20. März gab es die Salzburger Premiere davon: neun Kneipen (hier: »Beiseln«) waren Gastgeber für neun Ensembles, die den Abend musikalisch launig ausgestalteten. Das kam gut an – den Wirten war die Musik willkommen, nicht wenige der Gäste pilgerten von Ort zu Ort, Schüler oder Studenten stellten ihre Tour live am Smartphone zusammen. »Ohne Frack auf Tour« heißt Staatskapelle einmal anders. Man tauschte das Repertoire – hin zu Jazz, guter Unterhaltungsmusik und Bearbeitungen – und der eine oder die andere auch das Instrument, spielte Viola statt Violine oder e-Piano statt Kontrabass. Es gab je ein Cello-, Horn- und Flötenquartett, ein »Fagottesdienst« redete den Zuhörern ins (musikalische) Gewissen, Mozart und Gershwin trafen sich beim Wein (Doch wo war das Backhendl? Mozart liebte Backhendl!), und der »Klaviersalon in Garmisch« mit Kompositionen (nicht nur) von Richard Strauss klang munter südamerikanisch und wienerisch – Aber darf man das denn, wienerisch klingen, so mitten in Salzburg? Und auch die »Radeberger Musikanten« riskierten so einiges, spielten sie doch und sangen von Tirol (!), aus Böhmen (!!) und vom »Sachsenland« (!!!) – was noch dazu eine Textverfälschung gewesen ist. Doch die Salzburger Gemeinde war nicht nur tolerant, sondern begeistert. Irgendwo blieb schließlich jeder hängen und lauschte bis zum Schluss. Für Siegfried Schneider (Solotrompeter der Kapelle) war es übrigens ein vorweggenommener Abschied, denn der bevorstehende Ruhestand wird zumindest den regulären Dienst beenden, was ja nicht heißt, dass er am Ende nicht doch – ohne Frack – wiederkommt. Andreas Priebst hat sein Cello offiziell schließlich auch schon »an den Nagel gehängt«, war aber mit der Capella Musica Dresden trotzdem auf der Tour.

Zweiter Gang (anstelle Tafelspitz mit Apfelkren)

Am zweiten Tag erwartete Salzburg seine Besucher »gepudert« wie die berühmten »Nockerln«. Über Nacht hatte es zu schneien begonnen, der strahlende Sonnenschein vom Ankunftsnachmittag war vorerst dahin. Was kein Hinderungsgrund für einen Stadtrundgang in den historischen Vierteln links und rechts der Salzach war. Dabei verzauberte uns Salzburg mit beschneitem Mirabellengarten und Kapuzinerberg, prunkte aber auch mit aufpolierten Gässchen und historischen Orten, Geburts- und Wohnhäusern von Mozart, Karajan, Biber und jeder Menge anderer Musiker. Nicht immer war die Bezeichnung (wie »Geburtshaus«) korrekt – ein Kniefall vor dem Tourismus wohl (Oder werden die Salzburg-Besucher und Musikliebhaber schlicht unterschätzt?) – aber mit typisch salzburgischem Augenzwinkern präsentiert. Immerhin wurde der Physiker Christian Doppler (unweit der Mozarthäuser) trotz »Dopplereffekt« nicht den Musikern zugeordnet – nicht nur kein »X« für ein »U« soll man sich vormachen lassen, auch ein »Phy« ist kein »Mu«!

Nachmittags stand die erste Probe auf dem Plan. Da war – die Gruppe pilgerte eben zum Festspielhaus, traf manchen Kapellmusiker und hielt ihn von der Vorbereitung ab – plötzlich das Knattern eines Hubschraubers zu hören. Ob er einen besonderen Auftrag hatte? Vielleicht war das Christian Thielemann, der zur Probe eingeschwebt kam, oder die Kostümbildnerin Renate Martin, die ein frisch gebügeltes Kleid für Tosca (Anja Harteros) brachte?[1]

Der Nachmittag stand ganz im Zeichen von Tosca – ein Besuch der Generalprobe war Dreh-, Angel- und Ausgangspunkt der Reise und soll deshalb in einem Extrabericht beleuchtet werden.

Hernach ging es mit dem Bus quer durch die von weißen Bergen gesäumte Stadt bis zum »Gwandhaus Gössl Salzburg«. Beim berühmten Trachtenschneider gab es einen Empfang mit Crémant, viele besuchten Museum und Laden, und manche Tracht, Schleife oder Socke ging wohl über den Ladentisch. Allerdings blieb die Lage hier letztlich unklar. Eine Teilnehmerin kaufte sich dem Vernehmen nach zwanzig Paar Fußkleidchen, doch kann da etwas nicht stimmen, denn sie sprach davon, dass die Ärmel kostenlos gekürzt werden könnten. Ärmel kürzen bei Socken? Ein Nachfragen, auch in bezug auf Unterröcke, verbot schließlich die Diskretion, obwohl: Mozart – der hätte vermutlich …

Das Menü war so exquisit wie das Beisammensein gesellig. Tafelspitz, Grösti und Saibling standen zur Auswahl und verwirrten nur den, der nicht aufpasste, denn der Saibling ist ein Fisch und nicht mit dem Seitling, einem Pilz, der sich im Salat verausgabte, zu verwechseln.

3. Gang (als Ersatz für die Salzburger Nockerln)

Auch der dritte Reisetag blieb nicht ohne Erlebnisse. Auf dem Programm diesmal: eine Führung durch das Domquartier und ein Probenbesuch für das Konzert mit Sol Gabetta.

Zunächst hieß es – nun bei herrlichstem Sonnenschein – in die Altstadt pilgern. Vor dem Domquartier war der Treffpunkt, wo sich nun drei Gruppen bildeten. (Am Vortag hatten noch zwei genügt, doch für die Innenräume wären diese zu groß gewesen.) Anschließend gab es einen Rundgang durch die Museen, Sammlungen und den Dom. Im Mittelpunkt des Salzburger Ausstellungskalenders steht derzeit Erzherzog Wolf Dietrich (von Raitenau), welcher der Stadt eine wesentliche Prägung gab (und just wenige Tage nach der Reise, am 26. März, Geburtstag hatte). »Wolf Dietrich«, wie die Salzburger sagen, war übrigens ein Vorgänger Hieronymus Franz Josef Colloredos, jenes Fürsterzbischofs, der uns heute vor allem als derjenige bekannt ist, mit dem Wolfgang Amadé Mozart aneinandergeriet. Wegen einer gewissen Kurzsichtigkeit in Hinsicht auf den musikalischen Nachhall wird heute leicht übersehen, dass Colloredo als Vertreter der Aufklärung Salzburg zu neuer Blüte verholfen hat, aber das nur nebenbei… Spannend waren nicht zuletzt die Sammlung mit Kuriositäten und Pretiosen – lange galt ein Narwalzahn ob seiner gedrehten und langen, spitzen Form als Horn eines Einhorns – ist er aber leider nicht (Oder vielmehr: gottlob ist er es nicht!).

Bald zog es alle wieder nach draußen. Der Frühling stellte sich noch nicht ganz ein, aber bunt, hell und fröhlich zeigte sich Salzburg dennoch. Figuren und Brunnen wurden gerade ihrer Winterhüllen entledigt, Kinder versammelten sich zu einem Friedensmarsch in der Innenstadt.

Nach kurzer Pause ging es zur zweiten Probe. Geplant war nun das Cellokonzert von Robert Schumann, gespielt von der Kapelle und Sol Gabetta. Christian Thielemann war in bester Probenstimmung, ließ die Beine baumeln (!), selbst Mahlers 3. Sinfonie, die eben erst in Dresden erklungen war, schien er noch einmal ganz neu anzupacken. So konnten die Freunde, die wollten, sogar noch länger bleiben und auch diesem Teil zuhören. Die anderen verließen derweil das Festspielhaus und deckten sich mit Mozartkugeln ein.

Es folgte schließlich noch ein vergnüglicher Nachmittag und Abend mit manchen Ideen, Plänen und Unsinnigkeiten. So liegt das arme »Nannerl« Mozart heute unter einer wenig schönen Grabplatte auf dem Petersfriedhof zusammen (!) mit Johann Michael Haydn, das heißt DA liegen sie wohl beide nicht, es ist eher eine (weitere) touristengefällige Aufbereitung – ein wenig pietätlos, armes Nannerl! Die Gruppe reflektierte noch, dass jene Maria Anna Mozart ein langes Leben, aber auch eine unglückliche Ehe und keinen guten Mann gehabt habe. Zumindest sagt man das so in Salzburg. Warum sie ihren greulichen Gatten nicht grausig vergiftet oder gerechterdings erstochen habe, fragte man sich. Doch Erstechen, wussten die Besucher der Tosca-Probe, ist auch nicht mehr, was es früher einmal war. Manchmal stehen die Erstochenen nämlich wieder auf …

Apropos Mord und Rache: Es gibt in Salzburg ein paar nette Cafés: Fürst (jener mit den Mozartkugeln) hat eines, das »Tomaselli« ist mit einer bis auf das Jahr 1700 reichenden Geschichte wohl das älteste. Doch dann ist bald schon Schluss, denn sonst gibt es jede Menge westeuropäisch durchschnittliche oder neuzeitliche Cafés. Diese bieten Cappuccino, Espresso und Milchkaffee an, aber keinen »Einspänner«, keinen »kleinen« oder »großen Braunen«. Ja, ich habe es probiert: nicht einmal eine »Mélange« konnte ich bestellen!!! Wozu hatte ich die Karte der vielen Wiener Kaffeevariationen auswendig gelernt? Vermutlich ist das einfach eine Rache der Salzburger! Denn sie ertragen es und freuen sich, wenn die Sächsische Staatskapelle von Tirol singt und Böhmen spielt oder vom »Sachsenland«, aber ein Wiener Caféhaus in Salzburg, das geht offenbar nicht. Es lieben eben viele Abgründe bzw. Täler zwischen Wien und Salzburg…

Aber schön war es doch (ganz ohne »trotzdem«) – und im nächsten Jahr…

 

[1] Nein, erfuhren wir später von einer Einheimischen. Mit dem Hubschrauber wurden Bäume nach dem Auslichten vom Kapuzienerberg gebrach – wie unprosaisch! Ein schwebender Thielemann hätte viel besser zu Salzburg und diesen Bericht gepaßt…


Text: Dr. Wolfram Quellmalz

Bilder: Petra Friedrich, Prof. Dr. R. Koch, Peter Sommer und Dr. E. Wihsgott-Heinze

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